Social Politics - Bastian Atzger

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Social Politics - Sind soziale Medien für die Politik wirklich nicht geeignet?


Das Internet, sowie die Entwicklung der sozialen Plattformen („Social Media“), werden bereits heute schon in Bezug auf ihre gesellschaftlichen Auswirkungen mit der Erfindung des Buchdrucks gleichgesetzt. Der moderne Mensch fragt nicht mehr nach der Nummer oder Adresse eines anderen, er erkundigt sich nach dessen E-Mail oder Whattsapp. Und in der Tat gibt es kaum noch jemanden, der sich Webseiten wie Facebook, Twitter oder YouTube entziehen kann – besonders, da diese dank moderner Technik, rund um die Uhr an fast jedem Ort über das Smartphone abgerufen werden können.

Das Leben verlagert sich somit – ob es uns gefällt oder nicht – zusehends weiter in virtuelle Sphären. Dies geht sogar so weit, dass gesamte politische Wahlkämpfe mit Internet-Kampagnen entschieden werden – bestes Beispiel hierfür erbrachte der heutige US-Präsident Barack Obama im Wahlkampf 2008.

Eine Untersuchung der Münchener Macromedia Hochschule für Kommunikation (MHMK) kam jedoch in einer Ende Mai publizierten Untersuchung zu dem Ergebnis, dass es in Deutschland bislang noch keiner Partei gelungen sei, eine derartige politische Diskussion anzuregen wie Obama in den USA. Gründe hierfür sieht die Hochschule in ihrer rein quantitativen Betrachtung zum einen in geringem Engagement, zum anderen in fehlender „langfristiger Qualität der Interaktion“ mit den Nutzern. Aber auch ohne diese wissenschaftliche Analyse gelangt man zu der selben ernüchternden Erkenntnis, besieht man sich einmal die Profile der politischen Parteien und Mandatsträger.

In den Augen deutscher Politiker – so scheint es – sind soziale Netzwerke lediglich die virtuelle Fortsetzung traditioneller Pressearbeit. Es werden Standard-Texte verfasst, per „copy and paste“ unverändert auf allen Plattformen hochgeladen und belanglose Bilder eingestellt, die dann möglichst viel virtuelle Zustimmung generieren sollen. Gelingt dies nicht im erwünschten Maß, hört man stets dieselben Aussagen wie „wir haben doch alles versucht“, oder „das bringt doch alles nichts“. Die Mär der politikfeindlichen sozialen Medien war geboren.

Der Fehler liegt hier jedoch meist in der Herangehensweise an die neuen Medien. Zum einen beinhaltet Social Media nicht nur die Verbreitung von Information und Meinung, sondern gleichermaßen auch die Interaktion mit anderen Teilnehmern im Netz. Aber welcher Politiker antwortet schon gerne auf Fragen oder Kommentare über Facebook und Twitter – vor allem wenn diese Kritik beinhalten? Lichtblick ist lediglich Bundes-Umweltminister Peter Altmeier, der aktiv mit Twitter-Usern interagiert, andere Beiträge kommentiert und antwortet.

Zum anderen sind sich viele des Leitspruchs „content is king“ (frei übersetzt: „Auf den Inhalt kommt es an“) nicht bewusst. Da werden stets Fotos desselben Typs veröffentlicht (also Gruppenbild, alle fein aufgereiht, man lächelt brav in die Kamera) und der Text über die abgeschlossene Sanierung der lokalen Dorfhalle ist auch aus der Presseerklärung kopiert. Neben der geringen Attraktivität der Beiträge fällt dem Besucher darüber hinaus auf, dass pro Jahr gerade einmal eine Hand voll Nachrichten veröffentlicht werden.

Seien wir einmal ehrlich, würden Sie ein Profil durch Weiterleitung (“retweet”) oder Empfehlung (“like”) weiterempfehlen, das Sie nicht anspricht und auch nicht besonders gepflegt wird? Sehen Sie, ich auch nicht.

Meiner Erfahrung nach darf man jedoch die weitläufig zu vernehmende Aussage „Politik und Social Media funktionieren nicht zusammen“ so nicht stehen lassen. Es sind ja nicht nur Profile von Politikern die derartige Probleme haben, auch die von Stars, Musikgruppen und Unternehmen kämpfen mit den selben Hürden. Sie scheinen nur die Funktionsweise der Social Media besser zu verstehen – bis jetzt zumindest.

Die Menschen bewegen sich online, da darf sich meiner Meinung nach die Politik nicht geschlagen geben bevor das Rennen gelaufen ist. Aber es ist wichtig, dass man sich im Bereich der Social Media an einfache Grundregeln hält:

  • Verständnis der Social Media: Es gibt keine klare Sender-Empfänger-Trennung mehr mit bloßem Wissenstransfer in eine Richtung wie bei Tageszeitungen oder dem Fernsehen. Die Nutzer wollen direkt angesprochen und in ihrer „Realität abgeholt“ werden, aber auch mitreden und Antworten auf ihre Fragen erfahren. Social Media Fachleute streichen daher gerne den Begriff Zielgruppen und ersetzen ihn durch Dialoggruppen.
  • Content: Wichtig sind Relevanz (d.h. veröffentlichter Text passt zum Autor bzw. zum Thema der Seite) und dass die Inhalte derart für den Empfänger interessant sein könnten, dass er uns sogar seinem Bekanntenkreis empfiehlt.
  • Aktualität und Pflege: Ein Profil, in dem nur ein, zwei Mal pro Monat kommuniziert wird, verliert an Glaubwürdigkeit und Ansehen. Wenn ich mich entscheide, einer Partei oder einer Person zu folgen, will ich stets aktuell informiert sein und Neuigkeiten vor anderen erfahren. Negative, beleidigende oder besonders sinnfreie Kommentare sind zu entfernen, keinesfalls jedoch Kritik. Auf diese ist in besonderem Maße zu reagieren.
  • Interaktion: Wer gesehen werden möchte, der muss selbst auch andere sehen und aktiv am Netzwerk teilnehmen. Viele Politiker und Parteien erwarten zwar „Follower“ (frei übersetzt: Abonnenten ihrer Nachrichten), sind aber selbst nicht bereit dafür auch anderen zu folgen. Diese Einstellung wird dann häufig durch die Nutzer mit Desinteresse oder auch Häme bestraft.
  • Offenheit und Ehrlichkeit: Es ist wichtig, auch einmal Niederlagen zu kommentieren oder Dinge, die einen persönlich berühren. Der Leser auf der anderen Seite will keinen aalglatten Politprofi sehen (dafür schalte ich TV-Talkshows ein), er ist an der Person selbst interessiert.
  • Plattform-Konformität: Jede Seite, jede Plattform auf der man sich bewegt, verfügt über andere Normen. Twitter steht für kurze Nachrichten und Verweise, Facebook für Bilder und Hintergründe, YouTube für multimediale Kreativität. Egal wo sie aktiv sind, die Erwartungen der Nutzer die Sie erfüllen müssen, sind auf jeder Plattform unterschiedlich. Wichtig ist, dass wenn Sie cross-medial aktiv sind (d.h. auf mehreren Plattformen), immer Ihren Werten treu bleiben und nur dort kommunizieren wo Sie sich wohl fühlen.
  • Kreativität: Peter Altmeier twittert kurz vor einer Talkshow ob er auf etwas Besonderes hinweisen soll und erfährt große Resonanz. Seien Sie mutig, Neues zu wagen (seien Sie kreativ, selbstironisch, humorvoll, organisieren Sie ein Gewinnspiel, etc.), aber bleiben Sie authentisch. Wer im richtigen Leben kein begnadeter Humorist ist, der sollte auch nicht online vorgeben einer zu sein.
  • Lassen Sie sich im Zweifel helfen: Das Autofahren muss man auch erst lernen bevor man auf die Autobahn darf. Lassen Sie sich, wenn Sie unsicher sind, die ersten Schritte zeigen, typische Fallen erklären und starten Sie dann voll durch.

Das Ziel aller Aktivitäten muss es somit immer sein, Vertrauen zu entwickeln und derart Interesse zu generieren, dass uns andere ihren Kontakten weiterempfehlen. Das ist nichts anderes als traditionelle Öffentlichkeitsarbeit in neuem Gewand. Dabei darf man aber nie vergessen, dass Social Media nicht Massenmedien bedeutet.

Als Fazit lässt sich somit festhalten, dass Social Media auch für die Politik funktioniert. Das Netz wartet zwar nicht auf die Politik, aber es wird sie, wenn sie die Regeln versteht und akzeptiert, auch nicht außen vor lassen. Dafür ist meiner Meinung nach Politik auch viel zu interessant.

(Erschienen im Monatsheft Juli der Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU Baden-Württemberg.)
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