Der Kampf für die Freiheit der Forschung - Bastian Atzger

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Wissenschaft
Der Kampf für die Freiheit der Forschung


„Entweder bist du meiner Meinung oder ich blocke dich, entfreunde dich, schneide dir die Kehle durch: Was uns unter Stress setzt, ist nicht die hektische Welt. Sondern ein links wie rechts übergriffiges Bescheidwissertum.“ Eine Beschreibung, welche die aktuelle Diskussionskultur online wie offline treffend widerspiegelt, bezeichnenderweise so veröffentlicht in der taz1. Weiter im selben Artikel: „Meinungen dulden keine Meinungen mehr neben sich. Zugleich werden unsere Meinungen bei jeder Gelegenheit abgemolken. Es ist inzwischen fast unmöglich, zu einem beliebigen Sachverhalt keine Meinung aus dem Ärmel zu schütteln, die dann wiederum einer kritischen Bewertung unterzogen, beurteilt oder verurteilt wird.“

Diese Aussage verdeutlicht ein gesellschaftliches Problem, dem sich einst auch die Landtagspräsidentin Aras annehmen wollte. So versprach sie es zumindest im Vorfeld zur Landtagswahl 2016 bei einer Podiumsdiskussion im Kunstmuseum Stuttgart. Sie tat es nicht und wird stattdessen eher durch ihre persönliche Fehde mit Provokateuren der AfD in Erinnerung bleiben. Währenddessen treibt die Intoleranz der gesellschaftlichen Debatte weitere Blüten und hat nun ein Gebiet erreicht, in dem freies Denken, das Äußern von Vermutungen und Hypothesen und die offene Debatte elementare Grundpfeiler sind: die Wissenschaft.

Gesellschaftliche Spaltung hat die Hochschulen erreicht

Es begann zunächst harmlos und unter dem Deckmantel einer „besseren Moral“ mit der Gendersprache zur Vermeidung einer unterstellten sprachlichen Ungleichbehandlung. Dann entstanden Watchblogs, also Internetseiten, auf denen Studenten die Professoren anprangerten, die ihrer Meinung nach gegen diese neue Moral verstoßen hätten. Dem folgten Protestaufrufe, Beschmierungen von Tafeln oder Privateigentum und Störungen bzw. Verhinderung von Vorlesungen. Der bekannteste Fall dürfte der von Professor Lucke sein, dessen Vorlesungen an der Universität Hamburg mit aktiver Unterstützung von AStA und Antifa lautstark und gewaltbereit verhindert wurden – Vorlesungen in Makroökonomie wohlgemerkt.

Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach2 aus dem Jahr 2020 unter über 1.100 Professoren ergab noch ein recht gutes Allgemeinzeugnis für Forschung und Lehre in Deutschland. Jedoch zeigte die Studie auch auf, dass nationale Entwicklungen im Hochschulbereich Anlass zur Besorgnis geben und sich in mehreren Fachbereichen ein Wandel vollzieht – und keiner zum Besseren. So fühlt sich bereits ein Drittel der Professoren von der Political Correctness eingeschränkt, zu der auch Sprachvorgaben gehören. Wenn man die steigende Radikalisierung der gesellschaftlichen Debatte verfolgt, kann man davon ausgehen, dass sich diese Tendenz in den nächsten Jahren wohl nicht umkehren wird. Im Gegenteil. Ideologische Studenten und Wissenschaftler versuchen nicht über den wissenschaftlichen Diskurs, sondern über sozialen und politischen Druck die Welt zu verändern. Ihre Werkzeuge sind soziale Stigmatisierung, moralische Diskreditierung und Druck auf Hochschulmitarbeiter mit dem Ziel institutioneller Bestrafung.

Klima der Einschüchterung an deutschen Hochschulen

Die deutsche Wissenschaft steuert auf ein Klima der ideologisch geprägten Einschüchterung zu. Hauptdrahtzieher sind zumeist Langzeitstudenten aus dem linken Milieu, die das universitäre Umfeld gut kennen und wissen, wie Hochschulen regieren – nämlich meist so, dass sie nachgeben, um Ruhe zu schaffen. Doch Ruhe wird nicht einkehren, da die „Aktivisten“ mit jedem erreichten Schritt bereits den nächsten planen. Und da bleibt es nicht bei sprachlichen Vorgaben.

Eine Umfrage unter knapp eintausend Studenten an der Universität Frankfurt ergab, dass viele Studenten nicht mit anderen Meinungen konfrontiert werden wollen und es ein Drittel generell ablehnt, Redner mit anderen Meinungen (z. B. zum Thema Islam, Migration oder Gender) an der Hochschule zu dulden. Darüber hinaus gab ein Drittel der Befragten an, dass Professoren, die andere Meinungen vertreten, die Lehrbefugnis entzogen werden solle. Hier haben einige Studenten offenbar den Sinn wissenschaftlichen Arbeitens nicht verstanden – eine Erkenntnis, die auch die Aussagen von Gruppen wie Fridays For Future (FFF) in ein korrektes Licht stellen sollte.

Politik – Angst oder Unvermögen?

Es ist davon auszugehen, dass diese Situation nicht nur bei der zaghaften Landtagspräsidentin bekannt ist, sondern auch in der Bildungspolitik in Bund und Land. Doch während sich Bundespolitiker noch rühmen, dass sich die Bundesregierung 2020 22-mal mit FFF getroffen hat, herrscht eisiges Schweigen, wenn man der Politik Fragen nach dem Umgang mit ideologischen Einflussnahmen an Hochschulen stellt. Weshalb toleriert man ideologische Eingriffe in die Sprache? Weshalb toleriert man, dass Professoren angegriffen und in der Ausübung ihrer Lehrtätigkeit behindert werden? Hat man Angst, dass man selbst das Opfer des nächsten linken „Shitstorms“ wird?

Insider der wissenschaftlichen Materie sehen hierin nicht nur Angst, sondern Unkenntnis. Viele Politiker haben einfach keine Kenntnisse darüber, wie Wissenschaft funktioniert und wissenschaftlicher Diskurs geführt wird – wie auch? Die wenigsten haben in ihrem Leben aktiv geforscht oder mehr verfasst als eine akademische Abschlussarbeit; von wissenschaftlichen Veröffentlichungen ganz zu schweigen. Das erklärt auch die fast schon willenlose Hörigkeit gegenüber dem Robert-Koch-Institut (RKI) in Sachen Corona oder die widerspruchslose Hinnahme pseudowissenschaftlicher Aussagen von FFF.

Wohin soll diese politische Zaghaftigkeit noch führen? In den USA ist es mittlerweile nicht mehr selten, dass Forschungsmittel bevorzugt an politische korrekte Studien gehen (unabhängig von deren wissenschaftlicher Relevanz) oder Kurse Themen wie Ethnie und Geschlecht in den Mittelpunkt stellen. Auch ein Unterlassen ist ein Tun. Daher ist die deutsche Politik aufgerufen, sich hier aktiv einzuschalten und die Freiheit von Forschung und Lehre zu schützen.

Wissenschaftler aller Länder vereinigt euch

Ausgerechnet linke Studenten-Mobs stimulieren nun eine Gegenbewegung der Wissenschaft. So haben sich unlängst auf Initiative der Migrationsforscherin und Historikerin Dr. Sandra Kostner der PH Schwäbisch-Gmünd ca. 70 prominente Wissenschaftler (u.a. der Historiker Sönke Neitzel) zusammengeschlossen, um als „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ offensiv die Freiheit von Forschung und Lehre vor ideologischen Angriffen zu schützen. Zwar bestätigt Kostner noch eine weitgehend liberale Einstellung an deutschen Hochschulen, jedoch würde laut einem Zeit-Interview vom 07.02.20215 vor allem im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften und zunehmend auch der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der Einfluss der vor allem linksideologischen Beeinflussung spürbar.

In Deutschland gab es laut Statista in den Jahren 2019/2020 insgesamt 424 Hochschulen. An diesen lehren knapp 50.000 Professoren über 2,5 Millionen Studenten in rund 20.000 Studiengängen. Die meisten dieser Studenten wollen nur ihren Abschluss und dann in der Wirtschaft eine Bleibe finden. Doch eine einseitige und ideologische Forschung schadet nicht nur den Forschungsergebnissen selbst, sie schadet auch und vor allem der Qualität der Bildungsabschlüsse und damit der theoretischen Grundlage, mit der Absolventen die Hochschulen verlassen.

Ideologien schaden der Wahrheitsfindung

Natürlich unterliegen Forschung und die wissenschaftliche Debatte immer in einem gewissen Umfang dem herrschenden Zeitgeist. Die Grundlage wissenschaftlichen Denkens und Handelns hat jedoch immer die Suche nach der (empirischen) Wahrheit zu sein und niemals die Erfüllung beliebiger ideologischer oder politischer Zielvorgaben. Identitätspolitische Ideologisierungen oder die „Kultur des Regenbogens“, wie es Kostner formuliert, hat somit in der Forschung nichts verloren – die objektive und faktenbasierte Wahrheit orientiert sich nun mal nicht an subjektiven Wünschen oder Gefühlen.

Die Gesellschaft muss sich die Frage stellen, ob sie Hochschulabsolventen will, die politisch korrekte Thesen formulieren können oder Absolventen, die inhaltlich korrekte Analysen erstellen, mathematisch beweisbare Ergebnisse errechnen und uns der Wahrheit ein Stückchen näherbringen können. Für uns, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mittelstand, ist diese Frage eindeutig zu beantworten und deshalb ist unser Appell ebenso eindeutig formuliert: Lasst Forschung und Lehre ihre Freiheit.


Veröffentlicht in der Ausgabe Februar 2021 des WiFo der MIT Baden-Württemberg.

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